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Kanton Zürich, Switzerland
* geboren 1973 * glücklich verheiratet * Diagnose Brustkrebs vom Typ triple negativ im Alter von 38 J. * zum Zeitpunkt der Diagnose in der 33. Schwangerschaftswoche und Mutter eines 3 1/2-jährigen Sohnes und einer 2-jährigen Tochter

Bloggen - wozu?

Bloggen - wozu?

Nachdem ich die Hardcore-Therapie hinter mich gebracht habe, dient mir dieser Blog zum persönlichen Verarbeiten, vor allem auch rückblickend auf die einschneidendsten Erlebnisse. Darüber hinaus hoffe ich, Kontakt zu Leidensgefährtinnen zu knüpfen, die es da draußen in so erschreckend großer Zahl gibt. Und nicht zuletzt sind meine Blogeinträge auch für meine Familie und Freunde verfasst, die mich seit der Diagnose auffangen und mir tatkräftig zur Seite stehen. Der Blog ist leider nicht immer auf dem aktuellen Stand, ich arbeite aber im Rahmen meiner Möglichkeiten daran, das zu erreichen. Die Nummerierung der Titel entspricht der Chronologie der Geschehnisse. Hier könnt ihr lesen, wie sich im Januar 2011 mein Leben auf den Kopf gestellt hat.

Per E-Mail freue ich mich über Reaktionen, konstruktive Fehlermeldungen oder einfach einen lieben Gruß. Bitte hier klicken.

Das Neueste: ... es geht mir gut :-) und das auch dank eines weiteren Hakens auf meiner Bucket-List, mein eigener Hund bzw. Hündin, die mir seit einem halben Jahr so viel gibt und mich positiv fordert, erdet und mir hilft, wieder mehr (innere) Ruhe in mein Leben zu bringen.

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44. Mein FÜNFTER Geburtstag

Geschafft? Fürs Erste fühlt es sich so an. Es gibt sie also, an triple negativem Brustkrebs erkrankte Frauen, die ihren 5. Geburtstag erleben. Puuhhhhh. Damit sieht die Langzeitprognose schon viiiiiiiel besser aus. Ihr wisst ja, ich will in zehn Jahren hier schreiben, dass ich zu den Langzeitüberlebenden gehöre und will damit auch Hoffnung geben.
Am 2.2.2011 wurde die erste Maßnahme für mein zweites Leben ergriffen, die operative Entfernung dieses heimlich und hinterhältig gewachsenen, fiesen Tumors in meiner Brust. Ich habe das Gefühl, es sei gestern gewesen.
An diesem Tag war ich so optimistisch, meine Sorge galt vor allem Lina, die in meinem Bauch schlummerte und dort hoffentlich unbeschadet meine Narkose und die Schmerzmittel überstehen würde. Und ja, Lina, unser fröhlicher Sonnenschein, hat alles unbeschadet überstanden, in 9 Tagen feiert auch sie ihren 5. Geburtstag. Dafür bin ich unendlich dankbar, denn im Verlauf meiner Therapie, vor allem nach meinem Erstgespräch mit meinem Onkologen am Brustzentrum Zürich, wurde mir erst bewusst, dass Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs ist und was triple negativ bedeutet ...., zwei Jahre Drahtseilakt, weitere drei Jahre erhöhtes Risiko. Was nach den fünf Jahren für mich bleibt, ist eine Grundangst, denn sicher bin ich auch jetzt nicht, aber ich habe immerhin viel mehr Leben geschenkt bekommen, als ich nach der Diagnose zu hoffen gewagt hatte. Ich durfte erleben, wie meine drei Kinder in den Kindergarten eingeschult wurden, wie später jeweils die beiden Grossen aufgeregt in die erste Klasse der Primarschule kamen und ich bin so unendlich froh darüber. Jeder Tag ist ein Geschenk, das nicht selbstverständlich ist. Viel zu oft vergesse ich das schon wieder, aber an Tagen wie diesem wird es mir besonders bewusst. 
Danke an alle, die mir damals beigestanden haben, ohne euch, meine Familie und Freunde, hätte ich das nicht hinbekommen.

38. Tipps und Ratschläge?


„Das wird schon gut, Brustkrebs ist heutzutage doch kein Problem mehr. Ich kenne da eine Frau, die es geschafft hat.“ Tief einatmen, Lippen zusammenkneifen, kurz die Augen schließen ... wie auffallend oft ich das oder so ähnliche Formulierungen doch zu hören bekomme - so auch vergangenes Wochenende wieder mal. Mpffff.... das sind dann die Momente, in denen ich eigentlich sagen sollte, dass es doch Quatsch ist, so etwas zu behaupten, ohne wirklich Ahnung zu haben. Aber was macht Bianca? Nett lächeln, nicken und vielleicht noch in ruhigem Ton sagen, dass es halt schon komplizierter sei, wenn man plötzlich selbst betroffen sei und Brustkrebs sowieso nicht gleich Brustkrebs sei und auch jede Frau andere Voraussetzungen habe, da gebe es doch relevante Unterschiede, das Alter, die Lebensumstände, den Tumortyp, das Grading und vieles mehr. Aber ja, natürlich würde ich alles tun, um es auch zu „schaffen“ und auf der positiven Seite der Statistik zu stehen.
Hinterher ärgere ich mich dann über meine Political Correctness. Aber so bin ich eben, ich vermeide direkte Konfrontation, tut mir nicht gut, schreibe meine Gedanken lieber auf, teile sie auf diesem Weg mit und verarbeite sie so für mich.
Ich weiß ja, dass es nicht so einfach ist für viele „Nicht-Betroffene“, passende Worte zu finden und im Grunde ist es auch nur gut gemeint. Aber ich fühle mich bei solchen Pauschalaussagen nicht ernst genommen, fast ein wenig als Hypochonder abgestempelt, der sich das Ganze nur einbildet und nicht so ein Tamtam veranstalten sollte, so als hätte ich nur mal eben Schnupfen. Nun ja, irgendwie kann ich es meinen Mitmenschen dann aber doch nicht verübeln, die Medien und auch die ärztlichen Statistiken beschönigen enorm. So habe ich vor Kurzem erst von ärztlicher Seite erklärt bekommen, dass „Überleben“ in den Brustkrebsstatistiken nur bedeutet, dass eine Erkrankte (oder ein Erkrankter) nach 5 Jahren noch am Leben ist. Diejenigen, die der Brustkrebs danach hinwegrafft, fallen aus den Statistiken heraus. Ufff, für wen die wohl geschönt werden? Für die Pharmaindustrie? Warum macht man keine Langzeiterhebung? Metastasen tauchen häufig erst Jahre nach dem Primärtumor auf. Es ist leider nach wie vor so, trotz all der Forschungserfolge, dass Brustkrebs die mit Abstand häufigste Todesursache bei Krebserkrankungen von Frauen ist. Mir als Betroffene und Informierte ist das bewusst, vielen meiner Mitmenschen nicht, darum stellen sich mir ja auch die Nackenhaare auf, wenn ich mal wieder ein aufmunterndes Schulterklopfen bekomme mit Worten wie „Kopf hoch, das wird schon, eine Arbeitskollegin hatte vor ein paar Jahren auch Brustkrebs und sie ist geheilt.“ Da wünschte ich mir mehr Feingefühl. Aber es bringt mich auch irgendwie zum Schmunzeln ... wie gut, dass ich kein zartes Pflänzchen bin und einiges aushalte.

Ein weiteres Ärgernis, wenn auch nur ein winziges, sind für mich Tipps und Ratschläge ... ungefragt..., wie ich nun leben sollte, was ich ändern sollte, was man noch alles tun kann, um den Krebs zu besiegen, was der krebskranke Nachbar immer getrunken habe und wie gut es ihm heute gehe, ich solle mir das Zeug doch gleich besorgen und so weiter. Auf Tipps reagiere ich aber mittlerweile leicht allergisch. Das Problem ist, dass ich mehr als gut informiert bin, ich habe mich mit meiner Erkrankung eingehend auseinander gesetzt, Patientenkompetenz nennt man das heutzutage. Zwangsläufig habe ich auch eigene Erfahrungen gesammelt, habe darüber hinaus viele Frauen während und nach der Chemo und anderen Therapien kennen gelernt. Eine Erkenntnis gewinnt „frau“ da sehr schnell: Keine Diagnose ist gleich, keine Therapie ist gleich, keine Reaktion auf die Therapien ist gleich, keine Prognose ist gleich, kurzum .... wir sind und bleiben Individuen, ... auch wenn uns eins verbindet, ... die Diagnose Brustkrebs.

Ich möchte genau deshalb explizit keine Tipps in Bezug auf den Umgang mit Brustkrebs geben. Das entspricht nicht meinem Naturell. Meine Erfahrungen und was mir gut getan hat oder noch gut tut, all das muss nicht für andere gelten. Ich möchte meine Blogposts nicht als Ratgeber verstanden wissen. Ratschläge zum Thema Brustkrebs geben private, staatliche, institutionelle und kommerzielle Websites, Bücher, Heiler, Gurus, Zeitschriften usw. mehr als genug, manche kompetent und hilfreich, manche verunsichernd, manche in meinen Augen kriminell. Wenn mich jemand explizit um Rat fragt, dann erzähle ich von meinen Erfahrungen, was mir geholfen hat, mache auch gerne Vorschläge, aber ich maße mir nicht an, das Patentrezept gefunden zu haben.

Noch heute schüttle ich den Kopf über ein Buch*, das ich letztes Jahr gelesen habe, den Erfahrungsbericht einer Frau, die auch mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wurde – wie ich als Mutter von drei kleinen Kindern. Sie hat sogar Preise dafür gewonnen. Ich erhoffte mir irgendwie Kraft aus diesem Buch, erkannte ich doch einige Parallelen. Leider, obwohl die Autorin den Krebs überwunden zu haben scheint (sie erkrankte vor 15 Jahren), kann ich mich mit ihrer Art, zu schreiben, nicht anfreunden, denn sie wirkt belehrend, gibt vor positiv ans Leben zu glauben, obwohl sie auffallend viele negative Erfahrungen beschreibt, mit Ärzten und Pflegenden zum Beispiel, die in dieser Häufung gar an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Ihr Weg ist nicht mein Weg, denn sie betont mehrfach, dass jede, die an Brustkrebs stirbt, im Grunde selber schuld ist, weil sie nicht ans Leben geglaubt hat. Sehr, sehr einfach ... zu einfach und eindimensional aus meiner Sicht, die Erklärungen und Tipps der Frau Annette Rexrodt von Fircks. Ihre Lebensumstände sind dann doch auch nicht meine Lebensumstände (scheinbar Kinderfrau, Haushälterin) und ihre Tipps erscheinen mir zu platt, zu offensichtlich (so von wegen gesund ernähren, an der frischen Luft bewegen und so).
Aber dazu sei gesagt, dass das Buch halt eben für mich nicht stimmt, für andere wohl schon, sonst wären ihre Erfahrungsberichte nicht so erfolgreich.
In diesem Sinne gehe ich ihn weiter .... MEINEN WEG .... so wie Tausende von an Krebs Erkrankten da draußen ihren eigenen Weg gehen .... und keine(r) von uns ist schuld, wenn es nicht so ausgeht, wie wir uns das erhoffen und wünschen.


*Annette Rexrodt von Fircks:  ...und flüstere mir vom Leben. Wie ich den Krebs überwand. Ullstein Taschenbuch

34. "Happy" Birthday

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, … genau ein Jahr ist es nun her und doch fühlt es sich manchmal an, als wäre es gestern gewesen. Der 19. Januar 2011 hat mein Leben auf den Kopf gestellt, mein Vertrauen in mich, mein Leben, mein Glück in den Grundfesten erschüttert. Aber ich hab's geschafft, ein ganzes Lebensjahr voll neuer Erfahrungen und reich an Liebe erfahren dürfen. Jedes weitere Jahr, das mir die Zukunft schenkt, wird ein besonderes Jahr sein. Ich feiere also am 19. Januar 2012 nicht nur den einundvierzigsten Geburtstag meines Mannes, sondern darüber hinaus auch meinen eigenen, meinen "ersten Geburtstag". Dieses Datum wird mich und meinen Mann für alle Zeiten verbinden.
Jahr 1 war definitiv ein hartes Jahr, ich hatte oft Angst, fühlte mich oft einsam, denn auch wenn man von seinen Liebsten aufgefangen wird, so ist man mit dem ungebetenen Gast im Innersten und den Schmerzen doch alleine. Schwäche macht zusätzlich einsam und schwach war ich oft in diesen zwölf Monaten.
Jahr 1 hat mir Erfahrungen beschert, auf die ich hätte verzichten können. Ich weiß nun, wie es sich anfühlt, die Haare zu verlieren, wie es sich anfühlt, unter Schmerzen den Alltag bewältigen zu müssen, wie es sich anfühlt, die eigene Leistungsfähigkeit schwinden zu sehen, ich weiß nun, wie sich das eigene Spiegelbild nach Operation, Chemotherapie, Kortison, Bestrahlung verändert und das Selbstbewusstsein erschüttert. Ich weiß, wie schwer es manchmal fällt, auf Hilfe und Unterstützung angewiesen zu sein.
Jahr 1 war auch das traurigste Jahr meines bisherigen Lebens, ich bin auf schmerzhafte Art endgültig "erwachsen" geworden. Es stimmt tatsächlich, was landläufig gesagt wird: Erst mit dem Verlust der eigenen Mutter geht die Kindheit wirklich zu Ende.
Jahr 1 war dennoch ein Jahr voll Glück. Lina wurde geboren und schenkt mir mit ihrer sonnigen Art viel Freude. Annika und Yannick haben mir mit ihrer Liebe und ihrem Urvertrauen ins Leben viel Kraft gegeben. Die Liebe zu meinem Mann hat die vielen Bewährungsproben dieses Jahres überstanden. Das Jahr hat mir auch viele Menschen geschenkt, die für mich und meine Familie da waren, die uns mit getragen haben und das auch weiterhin tun.
Jahr 1 hat mir des Weiteren gezeigt, wie viel ich ertragen kann, wie viel ich leisten kann, wie stark ich doch auch bin. Das Attribut "kämpferisch" liegt mir auf der Zunge, aber sinnvoller finde ich "offensiv".

Wo stehe ich heute, nach exakt einem Jahr mit der Diagnose Brustkrebs? 
Hmmm… es fällt mir zugegebenermaßen schwer, in diesem Punkt völlig ehrlich zu mir selbst zu sein.
Körperlich geht es mir immer besser, wobei auch Rückschritte zu verzeichnen sind. Ich sehe äußerlich um einiges gesünder aus als noch vor drei Monaten. Dafür tauchen Schmerzen auf, wohl ausgelöst durch die Bestrahlung, die mich immer wieder verunsichern. Auch meine Gelenke und generell mein Immunsystem machen mir Sorgen und lassen immer wieder leider auch negative Gedanken aufkommen. Ich hoffe einfach, dass die Beschwerden "nur" durch die Chemotabletten und Infusionen verursacht werden, mit denen ich nach wie vor therapiert werde.
Ich weiß, dass 2012 ein ganz entscheidendes Jahr für mich sein wird, denn bei triple negativem Brustkrebs tauchen Metastasen gemäß meinem Wissensstand häufig schneller auf als bei anderen Brustkrebstypen und sind dann leider auch in einem kleineren Zeitfenster ultimativer. Ich geb's zu, ich würde gerne, schaffe es aber nicht konsequent, an das Gute zu glauben. Eine gewisse Grundangst ist zu meinem täglichen Begleiter geworden. Zu schaffen macht mir tagtäglich, dass meine Konzentrationsfähigkeit und auch mein Gedächtnis noch immer weit von der alten Form entfernt sind.... hmmm... für eine Perfektionistin im Grunde ein schwer zu akzeptierender Zustand. Ich muss schmunzeln, denn das Jahr hat mich definitiv auch gelehrt, meinen inzwischen nicht mehr so perfekten Perfektionismus mit Humor zu betrachten. 
Positiv stimmt mich - ich muss gerade lachen, während ich das schreibe -, dass ich endlich ein paar Kilos verloren habe und meine Klamotten fast alle wieder passen. Während der Chemo hielt sich mein BMI bedingt durch Kortison und nach der Geburt von Lina doch eher im oberen, noch akzeptablen Bereich. Es ist ein Irrtum zu meinen, man nehme während einer Chemotherapie ab bis auf die Knochen, das gibt es sicher auch, aber ich habe nur Frauen kennen gelernt, die das Kortison trotz fehlendem Geschmackssinn zu Heißhungerattacken getrieben hat.
Meine Kinder sind mir die größte Motivation, nach vorne und nicht zurück zu blicken. Die drei kosten viel Energie, geben aber im Gegenzug auch mindestens das Doppelte an Freude zurück. Ich frage mich manchmal, wie ich das Jahr ohne sie gemeistert hätte…., ziemlich sicher nicht so gut, denn Kinderlachen ist die beste Medizin.


33. Dann mal los ... ab ins 2012

Vier Tage des neuen Jahres sind bereits verstrichen. Den Jahreswechsel habe ich doch glatt verschlafen. Fünf vor zwölf ließen sich meine Augen wohl nicht mehr dazu bewegen, noch etwas offen zu bleiben. Das war so nicht gewollt. Arrrgggll. Ärgerlich. Die Chemo-Tabletten und meine sonstigen Medikamente sorgen nach wie vor jeden Abend dafür, dass mir die Augen unfreiwillig zufallen ... früher oder später. Da Annika bedingt durch ihre Windpocken extrem unruhig ist, sorgt auch sie noch für schlaflose Nächte. Nun, irgendwann holt ihn sich der Körper dann eben, den überfälligen Erholungsschlaf, ... ohne Rücksicht auf etwaige Feste oder Feuerwerke oder gefüllte Sektgläser zum Anstoßen. Ein – bedingt durch Sentimentalitäten an Weihnachten und Silvester – sorgenvoller Blick in die Zukunft  und im Vergleich zu den vergangenen Monaten wieder einmal wesentlich mehr Tränen drücken meinen Energielevel zusätzlich, was sich dann wiederum auf meine Abwehrkräfte auswirkt.
Dauermüde bin nämlich nicht nur ich, sondern offensichtlich auch immer noch mein Immunsystem. Kaum habe ich mal für ein paar kurze Tage Viren, Bakterien und sonstigen gesundheitlichen Gefahren die Stirn geboten, da erwischt mich schon wieder was. Nach der langwierigen Erkältung mit Lungenentzündung war ich nur einige Tage mit Gesundheit gesegnet.
Diesmal bleibt mir die Stimme weg. Seit gestern bringe ich keinen Ton mehr heraus, nur kaum hörbares, kratziges Wispern ermöglicht mir noch ein absolutes Minimum an Konversation. An Telefonieren oder auch nur eine banale Bestellung beim Bäcker ist nicht zu denken. Darüber hinaus manifestiert sich erneut eine Erkältung. All das war früher nie ein Thema für mich, ich war die letzten dreißig Jahre kaum krank. Mein „Untermieter“ hat eindeutig für Unruhe bei meinen Abwehrzellen gesorgt, meine tägliche Dosis Zytostatika tut ihr Übriges. Und gegen die Erschöpfung komme ich irgendwie nicht an... 
Ein Kommentar, den ich heute zu meinem „Alle Jahre wieder“ - Blogpost erhalten habe, trifft es sehr gut. Caro schreibt mir da:

Aber wenn ich Ihnen noch etwas sagen darf: Sie haben wirklich, wirklich ein annus horibilis hinter sich - ein Neugeborenes, kleine Kinder, der Tod Ihrer sehr geliebten Mutter und diese Diagnose: es gibt Menschen, die daran zerbrechen. Sie sind, ein Jahr später, auf einem wunderbaren Weg. Darf ich Ihnen sagen, dass Sie vielleicht versuchen sollten, nicht in die Falle zu tapsen, in der wir Frauen oft sind? Dieses sofort wieder für alle und alles zuständig sein, die Krankheit als vage Bestrafung für eine nicht bestandene Aufgabe zu nehmen, zuviel auf einmal zu wollen etc. Ich glaube, Sie wissen, was ich meine und hoffe sehr, Sie verzeihen meine Belehrungen - wie Sie sich denken können, kenne ich das alles nur zu gut.

Als Belehrung empfinde ich es gar nicht. Danke, Caro, für Ihren Kommentar. Er zeigt mir auf, was ich im Grunde schon weiß, nur ... hmm, „wissen“ und „machen“ sind zwei verschiedene, wenn nicht gar konträre Sachen. Es war tatsächlich das schlimmste Jahr meines bisherigen Lebens und ob ich daran zerbreche, das wird erst die Zukunft wirklich zeigen. Bisher habe ich versucht, immer alles zu geben. Aber gerade deshalb, ... in die Falle getapst, das bin ich längst, besser gesagt, ich bin wohl nie aus der „Falle“ herausgekommen. Drei kleine Kinder mit all ihren Bedürfnissen, ich mit meinen hohen Erwartungen an mich selbst, ein Stück weit auch die hohen Erwartungen meines direkten Umfelds, enorm viele unüberschaubare bürokratische Hürden, die einem die schnelle Rückkehr in unsere Leistungsgesellschaft nahe legen, ein Gesundheitssystem, das Rehabilitation für solche Fälle nicht vorsieht, und letztlich der ganz normale „Alltagswahnsinn“ eines Fünf-Kopf-Haushalts, all das baut einen enormen Druck auf, dem ich mich schlicht nicht entziehen konnte und kann, nicht einmal während der Hardcore-Phasen der Chemotherapie. Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen gesagt: „Ich wünschte mir ganz tief drinnen, ich könnte jetzt einfach für ein paar Wochen alles stehen und liegen lassen und ganz alleine irgendwohin gehen, wo ich zur Ruhe komme, wo ich Kraft tanken kann, wo man sich vielleicht auch intensiv um meine Seele kümmert.“ Mhm ... das Leben ist leider kein Zuckerschlecken, es geht nicht, ist hier nicht möglich, es sei denn, man finanziert sich einen Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum selbst. Ach, und nicht zu vergessen die Betreuung der Kinder während dieser Auszeit. Für eine fünfköpfige Mittelstandsfamilie ist das aber schlichtweg nicht machbar. Ich sollte nicht jammern, das möchte ich eigentlich auch gar nicht. Ich bin froh, hier in der Schweiz zu leben, einem Land mit extrem hohen medizinischen Standards.
Was mache ich also? Ich starte einen zweimonatigen Arbeitsversuch. Die Krankentaggeldversicherung ermöglicht mir einen sanften Wiedereinstieg in meinen Job. Ich bleibe nach wie vor krankgeschrieben, kann jedoch nach meinem Empfinden in Absprache mit meinem Arbeitgeber so viel oder auch so wenig arbeiten gehen, wie ich für tragbar halte. Ich bin froh, dass ich ohne Druck den Weg zurück finden kann.
Ohne Stimme und etwas nervös gehe ich heute Morgen zum Bus, der mich zur S-Bahn bringt. Ich will die ersten paar Stunden „Arbeit“ wagen. Es ist ein komisches Gefühl, zurückzukehren. Die letzten Meter des Weges vom Hauptbahnhof zur Schule werde ich langsamer, am liebsten würde ich umdrehen. Es steigt Angst auf, die Angst, dass ich mich nicht mehr zurechtfinde, die Sorge, dass sich meine aktuelle Unkonzentriertheit, meine Müdigkeit, meine Zerstreutheit negativ auf meine Arbeit auswirken. Ich sollte mir keinen Druck machen, ich bin in der luxuriösen Situation, mindestens zwei Monate Zeit zu haben, um zusammen mit meinem Onkologen zu entscheiden, ob ich wieder voll einsatzfähig bin oder nicht.
Das sei noch erwähnt: Mein Wiedereinstieg heute verlief ganz gut, selbst mein Schreibtisch hat sich kaum verändert. Die wenigen Kollegen, die während der Schulferien da sind, haben mir einen warmen, herzlichen Empfang bereitet und auf dem Regal über dem Schreibtisch steht noch immer meine Kaffeetasse, ... als wäre ich nie weg gewesen.


Mein Dream-Team und ich im Dezember 2011

30. Ein Aufruf zu Weihnachten


„Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unserer Gehälter
oder nach der Größe unserer Autos zu bestimmen
als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit.“
(Martin Luther King)


Eine Organisation, der ich zutiefst zu Dank verpflichtet bin, ist Onko Family Care. Ich glaube, sagen zu können, dass es die einzige Institution ist, die von Krebs betroffenen Familien mit Kindern tatsächlich unbürokratisch hilft. Kein Papierkram, keine Anträge, kein Einreichen der Steuererklärung, einfach nur Verständnis für die Bedürfnisse einer Familie, die von Krebs betroffen ist und nicht auch noch die Kraft für aufwendige Formalitäten und Gesuche hat. Eine Mail oder ein Anruf genügen und schon ist Frau Külling, die Gründerin, zur Stelle. Im Mai, als ich noch voll im „Chemorausch“ steckte, habe ich sie das erste Mal getroffen. Es war eine Zeit, in der ich immer wieder Mühe hatte, Betreuung für die Kinder zu finden, wenn ich zu Untersuchungen oder zur Chemo musste, und deshalb manchmal ganz schön am Anschlag war. Sie hat mir dann Andrea vermittelt, die einmal in der Woche für ein paar Stunden kam und für uns alle da war, die Kinder beschäftigte, beaufsichtigte und ein offenes Ohr für meine Nöte hatte.
Danke, meine liebe Andrea, dass du für uns da warst.

Frau Külling war heute wieder bei mir und wir haben bei Kaffee und Kuchen über die vergangenen Monate gequatscht. Diese Frau beeindruckt mich ungemein, hat sie doch das schlimmste Schicksal, das einer Mutter widerfahren kann, ertragen müssen, .... das eigene Kind jahrelang leiden zu sehen und am Ende gehen lassen zu müssen. Wenn ich darüber nachdenke, dann kann ich es mir kaum vorstellen. Wie viel einfacher ist es da, die Krankheit Krebs selber durchzumachen, als dem eigenen Kind bei der Bewältigung von schmerzhaften Therapien hilflos zusehen zu müssen.
Es war ein schönes Gespräch mit ihr, wir haben auch übers Sterben gesprochen und wie tabuisiert das Thema immer noch ist. Auch den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod und mit Trauer haben wir beleuchtet. Eins wird klar, der Tod verliert durch die Auseinandersetzung und auch durch das Konfrontiert-Werden seinen Schrecken... für mich zumindest kann ich das so sagen... und auch sie bestätigt das.
Gesprochen haben wir auch über die Notwendigkeit von Freiwilligenarbeit und Spendenbereitschaft. Ich für mich weiß schon, seit ich Andrea kennen lernen durfte, dass ich in einigen Jahren auch dabei sein möchte. Wenn ich die Erkrankung hinter mir gelassen habe und die Kinder etwas größer geworden sind, dann möchte ich dem Verein das zurückgeben, was er mir gegeben hat... Hilfe, Unterstützung. In Form meiner Arbeitskraft kann ich das heute leider noch nicht machen, zu sehr bin ich noch mit meinem eigenen Projekt „Gesund-Werden“ beschäftigt, aber was ich tun kann, ist in diesem Blog auf Onko Family Care aufmerksam zu machen. Weihnachten steht unmittelbar bevor und vielleicht möchte der eine oder andere ein Geschenk weniger kaufen und dem Konsumwahnsinn etwas Sinnvolles entgegensetzen, indem er für eine wirklich sinnvolle Organisation spendet, bei der das Geld nicht in dunklen Kanälen oder in der Administration versickert, sondern wirklich helfend eingesetzt wird.

Die Aufwendungen der für die Familien kostenlosen Dienstleistungen von Onko Family Care werden weder von der Invalidenversicherung noch von der Krankenkasse übernommen. Das Projekt wird ausschließlich privat finanziert.

Spenden bitte an das Konto des Vereins Onko Family Care richten:
PC 85-73454-2 oder IBAN CH34 0900 0000 8507 3454 2

Jede noch so kleine Spende wird dazu beitragen, dass Onko Family Care betroffene Familien mit Kindern weiterhin umfassend und liebevoll begleiten und beraten kann.




23. Große Frage, große Antwort?

Die große Frage nach dem Sinn, nach dem Warum... sinnlos und dann doch auch wieder sinnvoll. Hin und wieder mache mir Gedanken darüber, warum sie mich treffen muss, diese fiese Krankheit, die mein Leben innerhalb weniger Monate auslöschen kann und meine Kinder zu Halbwaisen und meinen Mann zum Witwer machen würde. Warum nur? Dieses Warum führt mich nicht wirklich zum Aufspüren der Ursachen der Krebserkrankung, aber es führt mich an einen Punkt der Klarheit. Die Jahre vor der Diagnose waren gekennzeichnet durch Selbstverständlichkeiten. Ich nahm vieles in meinem Leben wohl zu selbstverständlich, zu sicher: Liebe, Ehe, Kinder, Familie, Freunde, Job, meine Umwelt bis ins kleinste Detail, das Leben generell und damit nicht zuletzt meine Gesundheit.

Ohne Vorwarnung kommt er dann aus dem Nichts, der Tag, der mein Leben, meine innere Sicherheit, die Selbstverständlichkeiten zum Einsturz bringt, einem Einsturz, der in vielfacher Hinsicht tiefe Wunden reißt. Meine Gesundheit wandelt sich von einem Tag zum nächsten in Krankheit, in eine Krankheit, die schleichend und unbemerkt bei mir eingezogen ist, wo ich doch nie einen Untermieter oder Mitbewohner dieser Art wollte. Wer hat dem Typ die Tür geöffnet, ihn womöglich sogar eingeladen? Am Ende gar ich selbst? Es beginnt ein Verdrängungskampf, ein Kampf ums Überleben, denn anfangs glaube ich inbrünstig, nur einer kann hier wohnen, er mit Namen Brustkrebs, der am liebsten noch weitere Mitbewohner namens Metastasen einladen würde und Partys auf meine Kosten feiern würde, oder eben ich, die Frau, die mit ihrem Mann alt werden möchte und in dreißig Jahren auf ihre Enkelkinder aufpassen will.

„Du musst kämpfen, Bianca!“ Ist Kampf das richtige Mittel? Kampf gegen die Krebszellen, Kampf ums Überleben? Kämpfen gefällt mir nicht, Kampf klingt nach Krieg, nach Feinden, nach Verlusten, nach unnötigem Leid. Bin ich das, eine Kriegerin? Nein, das will ich nicht sein. Besser erscheint es mir da, dem Herrn namens Brustkrebs nachdrücklich und immer wieder bewusst aufzuzeigen, dass das widerrechtliche Mietverhältnis nur auf Zeit oder zu meinen Konditionen besteht. Denn eins ist mal klar, man kann solch knallharte Typen nur durch knallharte Konsequenzen in ihre Schranken weisen. Welche Konsequenzen? Nun, er darf eine Weile gratis bei mir wohnen, wenn er jedoch seine Vermieterin kaputt macht, verliert er sein Zuhause und wird jämmerlich zugrunde gehen. Also sollte er sich freiwillig nach einer neuen Bleibe umsehen oder wenigstens dauerhaft ruhig bleiben und sich an meine Spielregeln halten. Daran erinnere ich ihn regelmäßig, vor allem, wenn es mal wieder irgendwo verdächtig und beängstigend zwickt oder zwackt. Die Angst, dass er nicht mitmacht und seine eigenen Spielregeln aufstellt, diese Angst bleibt dennoch.

Die Wunden, die er, mein verborgener Mitbewohner, an meinem Körper und in meiner Seele gerissen hat, sind tief und vielfältig. Da sind natürlich die offensichtlichen, die körperlichen Spuren, die die Operation, die Chemotherapie und die Bestrahlung hinterlassen haben. Sie sind und bleiben nun ein Teil von mir und auch, wenn sich mein Spiegelbild verändert hat, so sind die Wunden im Inneren doch die Größeren. Das Selbstvertrauen in den eigenen Körper zum Beispiel, das ist in die Brüche gegangen und es dauert wohl eine lange Zeit, bis es wieder gekittet ist. Wie soll ich jemals wieder meinem Körper vertrauen, nachdem er mich so tief enttäuscht hat, nachdem er etwas derart Bedrohliches in mir hat wachsen lassen, ohne dass ich es gespürt habe? Andererseits habe ich erfahren dürfen, wie stark ich bin und wie viel mehr ich hätte ertragen können. Die eigene Leistungsfähigkeit zu erfahren, das gibt auch Kraft.

Nicht nur mich selbst als Individuum hat der Brustkrebs verwundet, nein, auch meine Liebsten, also meinen Mann, meine Kinder, meine Eltern, meine Geschwister und viele mehr.
Meine Mutter ist wegen des für sie unerträglichen Kummers gestorben, ihre Wunden waren zu tief, sie konnte ihre Tochter nicht leiden sehen, sie wollte nicht miterleben, wie der Krebs ihren Enkelkindern womöglich die Mutter nimmt, sie wollte unter allen Umständen verhindern, am Grab ihrer Tochter stehen zu müssen. Davon bin ich zutiefst überzeugt. So trage ich auch daran, an der Erkenntnis, dass ich den plötzlichen Herztod meiner Mutter vielleicht nicht alleine, aber doch mitverursacht habe.

Die Wunden, die mein Untermieter an meinem Mann und meinen Kindern gerissen hat, die vermag ich meist nur zu erahnen. Wie oft in den vergangenen Monaten war ich schwach und habe als Mutter und auch Ehefrau nicht das zur Familie beitragen können, was für deren harmonisches Funktionieren nötig gewesen wäre? Wie oft war ich in meiner Höhle und wenn ich dann herauskam, unausgeglichen, launisch? Wie oft kamen mein Mann und ich an unsere Belastungsgrenzen und haben einander nicht mehr verstanden, uns voneinander distanziert? Viel zu viele Paare zerbrechen an solch einer Erkrankung und den damit verbundenen zwischenmenschlichen Herausforderungen. Und so hat jede derart tiefe Wunde auch wieder ihre gute Seite. Wenn man es schafft, sie nicht immer wieder aufzureißen, wenn man es schafft, sie erträglich werden zu lassen, weil man sich ihr stellt und sie nicht verdrängt, dann erwächst daraus etwas Wundervolles. Eine Krise erschüttert und verbindet. Bei uns ist es jedenfalls so. Wer weiß, ob wir die Auseinandersetzung mit uns als Paar gesucht hätten, wenn uns nicht der Krebs dazu gezwungen hätte. Aber so gehen wir gestärkt als Paar aus dem Desaster hervor, auch wenn es zwischendurch nicht immer danach aussah.

Mein ungebetener Untermieter hat mir auch gezeigt, wer wirklich zu mir steht, wer wirklich für mich da ist. Freunde sind Freunde, diese Gleichung relativierte sich für mich. So hat mir die Krise auch viele Menschen geschenkt, von denen ich bisher nicht wusste, dass sie mir so nahe stehen, dass sie in der Tat für mich und meine Familie da sind.

Ich merke Tag für Tag mehr, wie mich die vergangenen Monate verändert haben. Prioritäten verschieben sich radikal und so kann ich heute vieles gelassener sehen, was mich früher ungemein gestresst oder aufgeregt hätte. Die Wohnung ist nicht aufgeräumt und es kommt Besuch? Was soll's, ... wer mich daran misst, muss gar nicht erst zu Besuch kommen. Hinter mir an der Ampel hupt ein Ungeduldiger? Was soll's, ... sich aufzuregen ändert auch nichts. Ich bekomme mit, wie ein paar Leute über andere lästern? Was soll's, ... die Armen werden irgendwann vielleicht merken, wie oberflächlich sie sind. Früher hätte ich mich aufgeregt und eine böse Bemerkung losgelassen, der meinen Blutdruck ins Unendliche getrieben hätte. Heute denke ich mir, das ist es nicht wert. Allen alles Recht machen zu wollen? Allen gefallen wollen und mit allen gut auskommen? Was soll's ... man kann das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne haben. Da ist es besser, sich selbst treu zu bleiben und das fällt mir heute viel leichter. 

Die Antwort auf die große Frage nach dem Warum ist für mich nach langen Monaten der Angst und Quälerei also von Hoffnung, Dankbarkeit und einem tiefen Sinn geprägt:

Welchen Sinn ich meine? Ich ...
... überdenke mein Leben als Ganzes und ordne es neu.
... lerne die Schönheit um mich herum bewusster wahrzunehmen.
... bin zutiefst dankbar für jede Minute, jede Stunde, jeden Tag.
... weiß nun besser, was ich will und was definitiv nicht mehr Teil meines Lebens sein soll.
... möchte das Motto „Leben und leben lassen“ nicht nur so dahinsagen.
... darf die uneingeschränkte Liebe einiger Menschen erwidern.
... erfahre, wer aufrichtiger Freund auch und gerade in schweren Zeiten ist.
... weiß, wo ich hingehöre.



Laufe nicht der Vergangenheit nach und verliere dich nicht in der Zukunft.
Die Vergangenheit ist nicht mehr. 
Die Zukunft ist noch nicht gekommen.
Das Leben ist hier und jetzt.

(Buddha)



22. Genussmomente eines Sonntags

Es gibt Dinge, die ich schon immer genossen habe, die ich aber seit meiner Diagnose und besonders seit abgeschlossener Chemotherapie in großer Dankbarkeit ganz besonders wahrnehme und genieße.
Angefangen mit der Stunde länger im Bett heute Morgen, weil man Mann um halb sieben die Kinder alleine versorgt, dann weiter mit dem langen, gemütlichen Frühstück mit 3 quietschvergnügten Kindern und einem flirtenden Ehemann, bis hin zum Latte Macchiato heute Nachmittag im Babu’s ... vor allem, weil ich ihn in romantischer Zweisamkeit mit meinem Mann und einer gemeinsamen Cremeschnitte schlemmern durfte ... im Wissen, dass die Kinder zu Hause sind und gut versorgt werden. Oder danach die wärmenden Sonnenstrahlen im Alten Botanischen Garten. Einfach faul auf einer Parkbank lümmeln, die Ruhe aufsaugen, den leichten Wind auf der Haut spüren. Soooooo schön. Auf dem Heimweg dann das wohl letzte Mal in diesem Jahr einen bunten Blumenstrauß auf einem Blumenfeld selber zusammenstellen und schneiden. Zu Hause angekommen mit Kinderlachen und Freudentänzen empfangen werden. Und jetzt um halb acht drei kleine Zwerge, die - ohne noch mal aufzustehen - bereits friedlich schlafen und hoffentlich süße Träume haben. Was zur Krönung meines Sonntags noch fehlt? Ich greife jetzt zum Skizzenblock und bringe ein paar Ideen zu Papier. Oder noch besser nach so einem Tag ... ich kuschle mich in die Arme meines Mannes auf dem Sofa und sehe mir mit ihm zusammen die Wahlergebnisse der Schweizer National- und Ständeratswahlen an, zu einem romantischen Film werde ich ihn wohl kaum überreden können. Wichtig ist, dass wir den Tag nach solch schönen Momenten zusammen ausklingen lassen.

17. Für die Seele

Mhm .... Zeit, mal wieder etwas über meine Befindlichkeit zu verfassen? Ich habe mich schon länger nicht mehr mitgeteilt. Eigentlich ist gerade kein guter, vor allem kein kreativer Zeitpunkt, denn momentan fühle ich mich nicht besonders mitteilungsbedürftig. Die langen Monate der noch andauernden Therapie, die Chemo-Medikamente mit all ihren Nebenwirkungen und der Alltag mit drei kleinen Kindern im Wissen um die möglichen Folgen meiner Krankheit haben zu tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen. Ich habe aber Maßnahmen ergriffen, um wieder aus meinem dunklen Loch zu krabbeln, rauszuspringen erscheint zu schwer, auch wenn es schneller ginge. Also ziehe ich mich mithilfe von Akupunktur, Hypnose, Medikamenten, meiner Familie und meinen Freunden und ganz wichtig .... mithilfe von Musik aus meiner Höhle. Jeder von uns hat hoffentlich für sich DAS EINE Lied gefunden, das ihn tief in der Seele berührt, das ihn träumen lässt oder bestenfalls aufbaut. ICH habe es gefunden, vor etwa zehn Jahren. Und seitdem begleitet mich dieses Lied durch Höhen und Tiefen, denn es gibt mir Kraft, lässt mich abschalten, lässt mich träumen und glücklich sein. Und immer wenn ich den Wind auf meiner Haut spüre, dann denke ich daran und fühle mich besser - so wie jetzt gerade.

Einfach mal reinhören, hier, bitte, und mit mir fliegen und träumen .... Sous le vent - Garou und Celine Dion (Youtube)


Sous Le Vent

Et si tu crois que j`ai eu peur - C`est faux - Je donne des vacances à mon cœur - Un peu de repos
Et si tu crois que j`ai eu tort - Attends - Respire un peu le souffle d`or - Qui me pousse en avant
Et
Fais comme si j`avais pris la mer - J`ai sorti la grand`voile - Et j`ai glissé sous le vent
Fais comme si je quittais la terre - J`ai trouvé mon étoile - Je l`ai suivie un instant
Sous le vent
Et si tu crois que c`est fini - Jamais - C`est juste une pause, un répit - Après les dangers
Et si tu crois que je t`oublie - Écoute - Ouvre ton corps aux vents de la nuit - Ferme les yeux
Et
Fais comme si j`avais pris la mer - J`ai sorti la grand`voile - Et j`ai glissé sous le vent
Fais comme si je quittais la terre - J`ai trouvé mon étoile - Je l`ai suivie un instant
Sous le vent
Et si tu crois que c`est fini - Jamais - C`est juste une pause, un répit - Après les dangers
Fais comme si j`avais pris la mer - J`ai sorti la grand`voile - Et j`ai glissé sous le vent
Fais comme si je quittais la terre - J`ai trouvé mon étoile - Je l`ai suivie un instant
Sous le vent
Sous le vent


Sous Le Vent (frei übersetzt ins Deutsche mit Biancas verkümmerten Restkenntnissen in Französisch)


Und wenn du denkst, ich hatte Angst - Das ist falsch - Ich gebe meinem Herzen Urlaub - Ein wenig Ruhe
Und wenn du denkst, ich hatte Unrecht - Warte - Atme ein wenig den Hauch von Gold - Der mich vorwärts treibt
Und
Tu so, als wäre ich in See gestochen - Als hätte ich das Großsegel gehisst - Und wäre im Wind geglitten
Tu so, als hätte ich die Erde verlassen - Ich hätte meinen Stern gefunden - Ich wäre ihm einen Moment gefolgt
Im Wind
Und wenn du denkst, es ist zu Ende - Niemals - Es ist nur eine Pause, eine Atempause - Nach den Gefahren
Und wenn du denkst, ich hätte dich vergessen - Hör zu - Öffne dich im Wind der Nacht - Schließ deine Augen
Und
Tu so, als wäre ich in See gestochen - Als hätte ich das Großsegel gehisst - Und wäre im Wind geglitten
Tu so, als hätte ich die Erde verlassen - Ich hätte meinen Stern gefunden - Ich wäre ihm einen Moment gefolgt
Im Wind
Und wenn du denkst, es ist zu Ende - Niemals - Es ist nur eine Pause, eine Atempause - Nach den Gefahren
Tu so, als wäre ich in See gestochen - Als hätte ich das Großsegel gehisst - Und wäre im Wind geglitten
Tu so, als hätte ich die Erde verlassen - Ich hätte meinen Stern gefunden - Ich wäre ihm einen Moment gefolgt
Im Wind
Im Wind



16. Wie geht es dir?

Eigentlich gut, danke, und dir? Schnell gesagt, unproblematisch das Gesicht gewahrt, diplomatisch vermieden, jemanden in Verlegenheit zu bringen. Denn im Grunde erwarten wohl tatsächlich nur wenige Menschen, dass das Gegenüber sagt, es gehe schlecht, man fühle sich kraftlos und wisse gar nicht genau, warum. Strategisch besser erscheint "Gut, danke" darüber hinaus, weil Tipps und Ratschläge vielleicht auch gerade schwer zu ertragen sind, ein einfaches „Ich verstehe dich“ oder „Komm, lass dich in den Arm nehmen“ oder „Lass dich ruhig mal gehen“, das wäre hilfreich, erweist sich aber als zu hohe Erwartungshaltung.
In den letzten Tagen habe ich mich dann gezwungenermaßen näher mit meinem Energielevel trotz „Geht gut, danke.“ auseinandergesetzt. Innere Konflikte sind das eine, aber wenn daraus äußere Konflikte resultieren, dann ist es höchste Zeit, die Ursache anzupacken. Wiederkehrende Konfliktsituationen innerhalb der Familie, teils auch bedingt durch meine nun zu lange anhaltende Unausgeglichenheit, das Unverständnis auf Seiten aller Beteiligten, warum kleine und große Familienmitglieder seit Monaten so schnell „flippen“, hysterisch werden oder sich – im anderen Extrem – „in ihre Höhle“ zurückziehen, machten eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Energie- und Gefühlslage also unabdingbar.
Bei meinen Gesprächen mit meiner Psychologin kommt für mich klar zum Vorschein, wie sehr man in Krisensituationen Gefühle verdrängt, um die Fassade aufrecht zu erhalten. Auch ich mache das, ... bewusst oder unbewusst versuche ich, das Gesicht zu wahren, stark zu erscheinen, obwohl ich mich, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, zwar nicht permanent, aber doch zu oft schwach, innerlich zerrissen, kraftlos, mutlos, müde, leer fühle und dann auch schnell aus der Fassung zu bringen bin.
Wie kann ich auch meinen Mitmenschen klar machen, was in mir vorgeht, wenn ich es doch selbst oft nicht weiß oder einordnen kann? Wie kann sich jemand in meine Lage versetzen, der nicht in meiner Lage ist oder war? Geht das überhaupt? Das ist vergleichbar mit der Wer-wird-Millionär-Situation. Der Kandidat im Fernsehen hat ein Brett vorm Kopf, kommt bei den einfachsten Fragen ins Schwimmen, während unsereins zu Hause denkt: „Oh Mann, wie hat der es denn in die Sendung geschafft, das ist doch ne Frage für Erstklässler.“ Aber eben, unsereins sitzt auf dem Sofa, nicht im Scheinwerferlicht und Günther Jauch gegenüber, der noch fast jeden Kandidaten aus dem Konzept gebracht hat. Umso mehr versuche ich Kontakt zu knüpfen zu Frauen in ähnlicher Situation wie ich, denn ihnen fühle ich mich auf eine tiefe Art verbunden.
Sich häufende schlaflose Nächte trotz bleierner Müdigkeit durch die Bestrahlung, wie geht das? Bleiern müde – schlaflos – was denn nun? Ja doch, beides. Todmüde ins Bett zu sinken und sich dann unruhig hin und her zu drehen, nach Luft zu schnappen, das Gefühl zu haben, wenn man die Augen schließt, erdrückt einen ein tonnenschwerer Klotz, das sind viele meiner Nächte. Depressionen??? Ich doch nicht. Mhm... oder vielleicht doch? Würde es helfen, einfach täglich ein paar Pillen mehr zu schlucken zu den üblichen schon verordneten? Und die Stigmatisierung? Mhm... immer noch ein Problem in unserer Gesellschaft. Darum schreibe ich das hier auch. Ich will mich nicht verstecken, ich will raus und leben ... so wie ich nun mal eben gerade bin, meine Schwächen in Stärken umwandeln, uneingeschränkt glücklich sein und wieder die Mami, Ehefrau und Frau, die ich immer sein wollte.
... Und aus tiefstem Herzen sagen können: „Danke, fantastisch, und dir?“

14. Höchste Zeit für ein Dankeschön

Höchste Zeit, mal von Herzen DANKE zu sagen an ...

Patrick - für deine Liebe und Unterstützung und dein Verständnis tagtäglich
Yannick, Annika und Lina - für euer Lachen und eure Fröhlichkeit
Mama (in Liebe und tiefer Trauer) und Papa – dafür, dass ihr immer in den Startlöchern standet und mehrmals da wart und du, Papa, immer noch da bist
Kerstin* – für deine Hilfe an den vielen Abenden und den Wochenenden
Christine und Harald für eure intensive Unterstützung in den Wochen nach der Diagnose
Steffi und Dani –  fürs Helfen während/nach der fünften Chemo
Kathi und Michi – fürs Helfen während eures Besuches im März
Rosmarie und Urs – für euren Spielplatzeinsatz nach der achten Chemo
Tante Resi und Onkel Jupp – fürs Helfen während eures Besuches im September
Monika* – für deinen Dauereinsatz als Babysitterin nicht nur tagsüber
Vivi – für deine regelmäßigen Hilfseinsätze bei den Kindern und im Haushalt
Frenzi – fürs Hüten von Lina
Ursula – für deine Nachbarschaftshilfe mit allen drei Kindern
Susen* – für die vielen Massagen
Andrea von OnkoFamilyCare – fürs Aufpassen auf die Zwerge
Stephanie dafür, dass du immer wieder notfallmäßig als Babysitter-Ersatz einspringst
Rémy – fürs Kinderhüten
Sonia und Tobias – fürs Kinderhüten
Jasmine – fürs Kinderhüten
Steffi und Ruth – fürs Kinderhüten
Gaby – für deine Unterstützung und Anteilnahme über die Akupunktur hinaus
Mirjam, Sabine, Verena, Tante Renate, Sigrid – fürs Kümmern um die Kinder am Tag von Mamas Verabschiedungsfeier/Beerdigung
*noch mal Kerstin, Susen und Monika – fürs Ermöglichen eines kinderfreien Wochenendes für Patrick und mich
Kita Fugu – für das mehrfache Entgegenkommen beim Verschieben von Betreuungstagen
Die Ärzte des Unispitals, des Triemli-Spitals und des Brustzentrums – für ihre Fachkompetenz und ihre Empathie
Die Pflegefachkräfte des Unispitals, des Triemli-Spitals und des Brustzentrums – fürs Auffangen, fürs Zuhören, fürs Überstunden-Machen, fürs Helfen in vielen Belangen, für die gute Laune und für jedes Lächeln
Fabienne, Kasia B., Sophie, Tante Renate, Andrea und Enrique, Frau Leone – für euer ernst gemeintes Angebot, uns zu helfen
Alle hier nicht erwähnten Verwandten, Freunde und Bekannten – für euer Interesse und euer offenes Ohr und auch euer Verständnis, falls ich euch oder eure Hilfe hier vergessen haben sollte



Danke, danke, danke, ... ihr seid das Netz, das mich auffängt und mir Sicherheit gibt. 

(Regensdorf, am 9. August 2011)

9. Die schwarze Wolke (Rückblick)

Unbeweglich, gnadenlos und ohne einen Windhauch von Hoffnung bleibt sie über mir, die große schwarze Wolke. Sie bewegt sich keinen Millimeter und hängt bedrohlich über meinem Leben. Der 20. Mai 2011 ist ein sonniger Tag, der zunächst gut beginnt und nicht erahnen lässt, was am Abend noch folgen wird.
Vier von acht Chemozyklen habe ich hinter mir, der Countdown zurück ins chemofreie Leben beginnt. Am Mittag kommt dann Frau Külling von Onko Family Care vorbei, einer Organisation, die Familien mit an Krebs erkrankten Kindern oder Eltern unterstützt. Diese starke und wahnsinnig charismatische Frau verlor vor wenigen Jahren ihren an Krebs erkrankten 10-jährigen Sohn. Sie strahlt eine empathische Wärme aus und eine Lebensenergie, die sich auf mich überträgt. Sie will für mich eine freiwillige BegleiterIn organisieren und mich damit einmal pro Woche für einige Stunden entlasten, damit ich mal wieder etwas für mich tun kann, mal abschalten kann. Das Gespräch mit ihr baut mich auf, ich fühle mich verstanden und bin beeindruckt von Frau Küllings Tatkraft und Engagement vor allem angesichts ihres eigenen tragischen Schicksals.
Mein eigenes Schicksal unterzieht mich wenige Stunden später einer harten Prüfung.

Wir sind gerade dabei, die Kinder zu Bett zu bringen, meine Zwillingsschwester ist auch bei uns und erzählt noch eine Gute-Nacht-Geschichte. Da höre ich meinen Mann am Telefon sagen, dass ich gerade verhindert sei wegen der Kinder. Aber der Anrufer will mir gleich etwas sagen und kann nicht auf meinen Rückruf warten. Mein großer Bruder ist dran und bittet mich darum, mich hinzusetzen. Er teilt mir unter Tränen und mit Schmerz in der Stimme mit, dass Mama vor einer halben Stunde gestorben ist. Ich wiederhole schluchzend seine Worte für meine Schwester, beide sacken wir zusammen, der Schmerz ist unbeschreiblich. Mama, die immer bedingungslos für mich da war, auch in den vergangenen Monaten seit der Diagnose, Mama, die uns immer unseren frei gewählten Weg hat gehen lassen, soll nicht mehr da sein? Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben, Ärzte nennen es Herzinfarkt, ich aber nenne es Herztod, verursacht durch meinen Krebs. Sie hat es nicht verwunden, dass ihr Kind diese Diagnose erhalten hat und vielleicht vor ihr sterben könnte, dass ihre geliebten Enkelkinder ohne ihre Mama aufwachsen könnten, sie hat mir nie wirklich geglaubt, dass ich das schon schaffen werde. Seit der Diagnose war sie ein anderer Mensch, gebrochen und ohne Lebenswillen.

Meine Schwester und ich fahren noch in der Nacht los, im Schockzustand fünfhundert Kilometer, um Mama noch einmal zu sehen, um bei Papa zu sein und um Totenwache zu halten, wie es im katholischen Bayern üblich ist. Die Fahrt überstehe ich wie im Delirium. Weit nach Mitternacht in Bayern angekommen traue ich mich erst nicht, mein Elternhaus zu betreten. Papa kommt heraus und wir fallen uns verzweifelt in die Arme. Mein Bruder und seine ganze Familie sind da, wir geben uns gegenseitig die nötige Kraft. Ich gehe hinein und sehe das erste Mal in meinem Leben einen toten Menschen. Sie sieht nicht mehr aus wie meine Mama, wohl friedlich und äußerlich ist sie es auch, aber sie wirkt leer. Ich ertrage es kaum und plötzlich sehe ich mich selbst da liegen. Ich habe das Gefühl, sie ist gestorben, weil ich ihr folgen werde, bald. Den nächsten Tag überstehe ich nur wegen der vielen Organisationsaufgaben. Ich entschliesse mich, das Totenbildchen für die Trauergäste selbst zu zeichnen. Mama hatte meine Bilder immer gerne. Also bringe ich irgendwie die Kraft und die Konzentration auf, einen grünen Engel für sie zu malen, einen Engel in ihrer Lieblingsfarbe.


In Liebe ... für meine Mama

7. Chemo - Freund oder Feind? (Rückblick)

Die Tage nach dem Gespräch mit meinem Onkologen verbringe ich in einem tiefschwarzen Loch mit Sturzbächen an Tränen und bemitleide mich selbst. Ich verzweifle bei dem Gedanken, dass ich diese Welt vielleicht schon bald verlassen muss, gerade jetzt, wo alles so schön sein könnte, ich fühle mich wohl im Job, habe meine eigene Familie, die ich über alles liebe. Motivationssprüche von außen nach dem Motto „DU MUSST KÄMPFEN!“ ziehen mich nur noch mehr ins Loch. Das weiß ich nämlich schon, nur leider klemmt der Schalter gerade, der mir einen positiven Energieboost gibt. Wie lerne ich nur damit umzugehen, dass die reelle Möglichkeit besteht, dass mich diese blöde Krankheit dahinrafft. Ich male mir aus, wie meine letzten Tage aussehen würden, wie ich an irgendwelchen Maschinen hänge, um noch ein paar Tage hinzuzugewinnen, wie meine Kinder und mein Mann leiden würden.
STOPP ....! So will ich mein Leben nicht verbringen, mit der permanenten Panik und diesem Gefühl der Verzweiflung. Selbst wenn alles schlimmer als schlimm kommen sollte, dann will ich doch stark sein, für mich, aber auch für die Menschen, die ich liebe. Aber wie schaffe ich das, ich fühle mich so unendlich leer.
Ich bekomme Ratschläge von allen Seiten, solle doch zu einem Medium, zu einer Wahrsagerin oder zur Hypnose oder zu einem Psychologen oder die Misteltherapie machen. Oder, oder, oder ... und, und, und ...
In meiner Verzweiflung kontaktiere ich meine Akupunkteurin, die mich in der Vergangenheit schon aufgerichtet hat und vereinbare einen Termin. Dann surfe ich im Internet und finde eine Hypnotiseurin in meiner Gemeinde, die mir am Telefon gleich sympathisch ist. Die Suche nach einer Psychologin gestaltet sich schwieriger und wird auch länger dauern. Wie ich all die Termine mit den drei Kindern - vor allem mit dem Baby - hinbekommen soll, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich meine „alte“ Motivation zurückhaben muss, um wieder gesund zu werden. So verbringe ich die Tage bis zur ersten Chemo mit dem Lesen zahlreicher Motivationsbücher, Erfahrungsberichte, Broschüren und vielem mehr. Die Akupunktur und auch die Hypnose zeigen Wirkung, ich gewinne allmählich wieder Stärke zurück, aber die übermenschliche Kraft, die ich nach der Diagnose spürte, die bleibt diesmal aus.
Mit meiner Hypnotiseurin bespreche ich immer wieder die Bilder, die sie mir während der Sitzungen suggerieren soll. Ich stelle mir die Chemo-Infusionen wie farbiges Licht vor, das in meinen Körper strömt. Heilendes Licht, das meinen Körper und meine Seele erhellt und so die gesunden Zellen stärkt und alle kranken Zellen aufspürt und in gute Zellen verkehrt. Die Chemo soll mein Freund sein, der mich gesund macht, nicht mein Feind, der mir weh tut und mich vernichtet.
Mit diesem Bild vor Augen starte ich also in die erste Chemo. Mein Mann begleitet mich. Der Chemo-Raum des Brustzentrums ist klein, etwa fünf bis sechs Frauen finden Platz. Er ist zwar mit den weißen Wänden und mit dem Blick zur Mitte des Raumes nicht wirklich heimelig, aber die Fröhlichkeit der Plegefrauen gleicht das mehr als aus. Neben meinem Mann begleiten mich noch Rossi, das Stoffpferdchen meines Sohnes und mein Notizbuch, das mir Tagebuch und Erinnerungshilfe zugleich ist.
Die Infusion ist angehängt und „Campari“, wie es die Schwestern nennen, strömt über einen Port, der mir beim Brustbein eingesetzt wurde, in meine Venen. Ich sehe mir die anderen Frauen, meine Leidensgenossinnen, an, und stelle fest, dass sie alle ohne Ausnahme eher griesgrämig blicken. Steht mir das nun auch bevor, ein griesgrämiger, leerer Blick? Ich nehme mir nun erst recht vor, die Chemos als meinen Freund zu betrachten. Ich verspüre nicht das Bedürfnis zu reden, also fange ich an, in mein Notizbuch zu kritzeln. Nach und nach entsteht eine Zeichnung, Rossi, das gestreifte Stoffpferdchen, ist darauf in Siegerpose zu sehen, umgeben von einem Blumenmeer und in strahlendem Sonnenlicht. Daneben schreibe ich einen kleinen Tagebucheintrag: „Mein Kampfgeist ist zurück. Bin selber überrascht, wie positiv und locker ich’s nehme. Glaube daran, dass ich die schlimmsten Nebenwirkungen abwehren kann. Und wenn nicht, dann nehme ich sie an. Die Chemo HILFT mir, sie ist mein Freund. Und deshalb sage ich, dass ich das mithilfe der Chemo schaffe. Vielleicht überrasche ich mich und alle und habe überhaupt keine Nebenwirkungen, das wärs doch.“ (Tagebucheintrag vom 3.3.2011)
Nun ja, ich schlucke dann bereits auf dem Heimweg im Auto diverse Tabletten, um die einsetzenden Nebenwirkungen der Zytostatika einzudämmen und – dem Doc gehorchend – meinen Körper ja nicht auf Nebenwirkungen zu konditionieren, also runter mit Motilium und Paracetamol gegen die Übelkeit und die Kopfschmerzen. Gegen Schwindelanfälle und Hitzewallungen gibt es leider kein wirksames Gegenmittel und gegen Panikattacken und unbändige Müdigkeit auch nicht, aber ins Bett kriegt mich die Chemo tagsüber dann doch nicht. Denn dann wird „frau“ erst richtig krank. Leider übertrumpft mich die Müdigkeit meist abends auf dem Sofa schlagartig, sobald ich mich hinsetze. Innerhalb weniger Sekunden schlafe ich felsenfest ein. So soll es mir die nächsten fünf Monate ergehen. Verschärft wird die Müdigkeit noch durch Lina, die in den ersten Lebenswochen nachts ihre Flasche verlangt. Ich segle nur noch auf Halbmast.

5. Danke...

Danke... @Auguste für den Hinweis, meinem Mann für seine Unterstützung und Martina McBride für den Song


38, 3 Kinder, Krebs, Angst, Liebe.... treffender könnte ein Song kaum sein. Und wunderschön noch dazu.

Anzuhören auf Youtube:
Bitte einfach hier klicken :-)


Martina McBride
"I'm Gonna Love You Through It"

She dropped the phone and burst into tears
The doctor just confirmed her fears
Her husband held it in and held her tight
Cancer don’t discriminate or care if you’re just 38
With three kids who need you in their lives
He said, "I know that you’re afraid and I am, too
But you’ll never be alone, I promise you"

When you’re weak, I’ll be strong
When you let go, I’ll hold on
When you need to cry, I swear that I’ll be there to dry your eyes
When you feel lost and scared to death,
Like you can’t take one more step
Just take my hand, together we can do it
I’m gonna love you through it.

She made it through the surgery fine
They said they caught it just in time
But they had to take more than they planned
Now it's forced smiles and baggy shirts
To hide what the cancer took from her
But she just wants to feel like a woman again
She said, "I don't think I can do this anymore"
He took her in his arms and said "That's what my love is for"

When you’re weak, I’ll be strong
When you let go, I’ll hold on
When you need to cry, I swear that I’ll be there to dry your eyes
When you feel lost and scared to death,
Like you can’t take one more step
Just take my hand, together we can do it
I’m gonna love you through it.

And when this road gets too long
I'll be the rock you lean on
Just take my hand, together we can do it
I’m gonna love you through it.
I’m gonna love you through it. 

4. Dein Weg ins Leben (Rückblick)

Dein Weg ins Leben,
ich für dich
und du für mich.

Kaum ein paar Stunden von der OP zu Hause, mache ich mich daran, den Wehen auf die Sprünge zu helfen. Das Baby muss drei Wochen vor dem Geburtstermin zur Welt kommen, es ist dann keine Frühgeburt mehr. Die Zeit drängt und ich soll schnellstmöglich mit der Chemo beginnen. Einige Versuche scheitern schon im Ansatz ... durch die Wohnung zu springen gestaltet sich schwierig mit einer frischen OP-Wunde, auch das scharfe Curry hilft wohl erst, wenn die Maus startklar ist, das Treppensteigen powert nach dem Spitalaufenthalt aus, bewirkt nur nichts, aber da gibt es ja noch Großmutters Wunderwaffe aller Hebammen der alten Schule ... den Wehencocktail. Yummie ... wie lange habe ich schon keinen Cocktail mehr geschlürft. Vor meinem inneren Auge taucht ein Caipirinha auf und eine Pina Colada unter einer sanft wippenden Palme am Strand wäre auch nicht zu verachten. Schnell besorgen wir die Sachen in der Migros und der nächstgelegenen Apotheke. Die Mischung sieht optisch lecker aus ... meine Geschmacksnerven lassen sich davon jedoch nicht täuschen ... leider. Ich würge also den Mix aus Rizinusöl, Aprikosensaft, Sekt und Eisenkraut hinunter ... einen halben Liter ... mit jedem Schluck schmeckt er widerlicher. Aber ich will um jeden Preis natürlich gebären und am liebsten ohne chemische Anstupser, also muss ich da durch. Es soll noch schlimmer kommen ... den ganzen Tag ist mir zwar kotzübel, aber keine einzige Wehe meldet sich ... bis ... ja bis zum Abend ... da geht es plötzlich schmerzhaft heftig los mit Wehen im 2-Minuten-Takt. Leider tut sich nach 2 Stunden nichts mehr - Ruhe unterhalb des Bauchnabels.
Drei Tage nach der Spitalentlassung gebe ich mich geschlagen und wir leiten die Geburt mit Tabletten ein. Mein Mann begleitet mich wie auch schon bei den ersten beiden Geburten vor dreieinhalb und vor zwei Jahren. Meine Angst vor noch heftigeren Wehen durch die Tabletten bestätigt sich nur zum Teil, ich habe wohl einfach vergessen, wie schmerzhaft Wehen nun mal sein müssen, so oder so. Nicht nur mein Mann zum wiederholten Male, auch die OP-Wunde an der Brust besteht ihren Belastungstest, denn darauf nehme ich bei meinen Versuchen, die Wehen zu ertragen, keine Rücksicht. Zermürbend ist, dass sich der Muttermund auch nach Stunden trotzdem nicht öffnet. Erst die Sprengung der Fruchtblase sorgt dafür, dass fünf Viertelstunden später Babygeschrei den Raum erfüllt. Da ist sie nun in meinen Armen, meine kleine Lina, gesund und wunderschön verknittert. Ich weine unaufhaltsam Tränen vor Glück, Tränen der Wut, Tränen der Angst und Sorge, Tränen der Erschöpfung, Tränen der Liebe.
Dann kommt er auch schon, der Moment, an dem ich loslassen muss. Stillen ist nicht möglich, da ist die verletzte Brust einerseits, die bevorstehende Chemotherapie andererseits. Lina aber weint und will saugen und die Flasche lässt auf sich warten, es bricht mir das Herz, ihr nicht das geben zu dürfen, was ich ihren Geschwistern geben konnte, sie schreien lassen zu müssen anstatt ihr sofort diese natürliche Geborgenheit zu schenken. Darum entscheide ich nun auch definitiv, dass ich nicht im Spital bleibe, sondern das Wochenbett zu Hause verbringe. Ich fühle mich körperlich stark genug, aber seelisch zu schwach, um die anderen glücklichen und sehr wahrscheinlich stillenden Mütter zu ertragen, mit denen ich das Zimmer teilen würde. Nicht mal sechs Stunden nach der Geburt sind wir zu Hause ... unsere kleine Familie von nun an zu fünft. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir zu fünft bleiben.

Dein Weg ins Leben,
ich für dich
und du für mich.
Vier große Hände,
die dich halten,
dir Wärme geben.
Zwei kleine Hände,
die mich tragen,
mir Hoffnung schenken.







Lina, geboren am 11.02.2011 um 12.45 Uhr, 3480 g, 50 cm



3. OP - wie OPtimismus (Rückblick)


Ein Optimist ist in der Regel ein Zeitgenosse, der ungenügend informiert ist.
(John Boynton Priestley)

Genau zwei Wochen nach der Diagnose findet die operative Entfernung des Tumors statt. Die Tage vorher bringe ich dadurch herum, mich nebst den vielen Terminen in möglichst viele Aufgaben zu Hause zu stürzen, meist bis tief in die Nacht, denn an Schlaf ist noch immer nicht zu denken, aufräumen, alles für meinen Mann und die Kinder organisieren, vorkochen, Wäsche waschen und bügeln, packen, mit den Kindern spielen, zwischendurch Bücher zum Thema Brustkrebs und unzählige Broschüren dazu wälzen. Die Nächte verbringe ich grübelnd in den Armen meines Mannes, wir sind uns näher denn je in der Zeit nach dieser Schreckensnachricht.
Ich stehe wie unter Strom und spüre eine Energie in mir, wie noch nie in meinem bisherigen Leben. Bis zur OP möchte ich möglichst viel erledigt haben und gut vorbereitet sein. Wer weiß, was nach der OP kommt. Sicher ist, ich werde wohl erstmal eine ganze Weile nichts Anstrengendes machen dürfen, nichts Schweres heben. Außerdem ist jetzt schon klar, dass das Baby ein paar Tage nach der OP auf die Welt kommen soll, sobald ich mich einigermaßen erholt habe, damit ich mit der Chemo starten kann. Die operierende Ärztin, die auch schon die Biopsie durchgeführt hat, versprüht einen Optimismus, der auf mich abfärbt. So gehe ich mittlerweile voller Tatendrang und mit einem positiven Blick auf die Zukunft durch den Alltag. Noch. Meine größte Sorge gilt dem Baby, das die Narkose auch abbekommen wird. Und ich habe generell Angst, operiert zu werden. Das ist mein erstes Mal. Aber abgesehen davon bin ich zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass ich den Brustkrebs besiegen werde.

Mein Bruder und meine Schwägerin reisen an, um während meiner Abwesenheit für die Kinder zu sorgen. Eine große Sorge weniger. So kann mein Mann weiter arbeiten und dennoch häufig bei mir sein. Er steht massiv unter Druck in seinem Job und muss nun mehr denn je unsere Existenz sichern, Ferien wird er noch mehr als genug nehmen in nächster Zeit, um mich und die Kinder aufzufangen. Mein Mann fährt mich dann am Morgen des 1. Februar 2011 ins Universitätsspital Zürich. Das Bett im Zweierzimmer steht direkt am Fenster mit Blick auf Zürisee und die Glarner Alpen. Wären da nicht der typische Krankenhausgeruch und das Gewusel des Pflegepersonals, könnte man fast der Illusion verfallen, man sei in den Ferien... bei dieser Aussicht auf die im Sonnenlicht reflektierenden Berggipfel und die Segelboote auf dem See. Mir ist mulmig, als sich mein Mann von mir verabschiedet, wir halten uns lange in den Armen, ich wünschte, er könnte bei mir bleiben und mich in den OP-Saal begleiten.
Der Tag ist gefüllt mit Untersuchungen und Besprechungen. Ich komme gar nicht zum Nachdenken, das ist auch gut so. In der Nacht bin ich unruhig , neben den vielen Gedanken fällt es mir trotz Oropax schwer, Schlaf zu finden. Meine Zimmernachbarin ist über 80, sehr nett und eine Seele von Mensch, aber leider hat sie einen sehr lauten und unruhigen Schlaf. Meine kleine Maus im Bauch macht sich auch unaufhörlich mit Strampeln bemerkbar, so als wollte sie mir zeigen, dass wir das gemeinsam schaffen werden.
Am Morgen bekomme ich eine Beruhigungstablette, die mich bereits so müde macht, dass ich kaum mitbekomme, wie man mich in den OPS bringt. Ich werde in Seitenlage operiert, damit das Baby nicht auf die Vena Cava drückt und für uns beide die Blutversorgung sichergestellt ist.

Ich höre Stimmen und spüre einfach nur Schmerzen. Panik steigt in mir hoch. Ich merke, dass die OP vorbei ist und ich wieder auf einem Bett liege. Aber warum tut das so unendlich weh? Ich kann einfach nur weinen und weiß irgendwie nicht so recht, wo ich bin, was los ist. Wieder eine Panikattacke. Die Pflegenden im Aufwachraum kommen sofort und geben mir mehrere starke Schmerzmittel, bis ich endlich ruhiger werde. Ich habe Angst ums Baby, aber man beschwichtigt. Sie rufen meinen Mann an, er soll kommen, während ich wieder wegdämmere. Er kommt schnellstmöglich und bleibt den Rest des Tages an meiner Seite. Noch habe ich keine Ahnung, was genau operiert wurde und wie ich nun aussehe. Aber im Grunde ist es mir egal, ich will einfach wieder gesund werden. Ich hatte die Ärztin vorher angewiesen, nicht zu vorsichtig zu sein und lieber mehr zu entfernen als zu wenig.
Zurück im Zimmer erhole ich mich erstaunlich schnell und würde am liebsten aufstehen, aber die Pflegenden lassen mich nicht. Dann kommt die Ärztin und informiert mich über den Verlauf der OP und das vorläufige Ergebnis des Schnellschnitts, der noch während der OP im Labor untersucht wurde:

Triple-negativer Tumor (Negativität für Progesteron- und Östrogenrezeptoren, Her2-negativ), 2,1 cm groß, 13 Lymphknoten axiliär enfernt, davon zwei mit Tumorzellen, TNM-Klassifikation pT2, pN1a, G3

Zunächst kann ich mit all dem wenig anfangen, bin etwas geschockt, dass auch Lymphknoten entfernt wurden, aber noch bin ich ruhig, denn die Ärztin strahlt immer noch unbändigen Optimismus aus, und das stimmt auch mich optimistisch, zumal ich die OP-Wunde zu Gesicht bekomme und positiv überrascht bin. Abgesehen von einer etwa zehn Zentimeter langen Narbe sieht meine Brust fast wie vorher aus, nur etwas kleiner. Mein Mann hatte gleich nach der Diagnose zu mir gesagt: „Mach dir bloß keinen Kopf wegen körperlicher Veränderungen. Ich liebe dich und nicht deine Brüste oder deine Haare.“ Trotzdem bin ich irgendwie erleichtert, dass die Veränderung minimal ist.
Ich bin auch mehr als froh, dass das Baby wohlauf ist und keine Komplikationen auftraten, die einen Notkaiserschnitt zur Folge gehabt hätten, der mir durch die Vollnarkose jegliches Geburtserlebnis genommen hätte. Einer natürlichen, wenn auch eingeleiteten Geburt in einigen Tagen scheint nichts im Wege zu stehen. Ich werde täglich ans CT gehängt und etwaige Wehen und die Herztöne des Babys überwacht. 
Die Schmerzen halten sich nach der OP dank Schmerzmitteln in Grenzen, nach zwei Tagen verzichte ich weitestgehend auf weitere Mittel, um das Baby nicht noch mehr „zuzudröhnen“, auch wenn man mir permanent versichert, dass es dem Baby nicht schaden würde. Wer weiß das schon so genau, das Baby kann es uns ja nicht sagen und bei späteren Schädigungen heißt es dann, sie hätten andere Gründe.

In der zweiten Nacht nach der OP bekomme ich Wehen, die immer stärker werden und mich an die Geburt meines zweiten Kindes erinnern. Da ging es nämlich plötzlich sehr schnell nach „solchen“ Wehen. Ich warte erstmal ab, schreibe meinem Mann eine SMS, damit er im Zweifel vorbereitet ist. Er schläft aber scheinbar tief und fest. Irgendwann habe ich alle 2 Minuten Wehen und werde doch nervös. Die Pflegenden sind unsicher, ich liege zwar in der Gynäkologie, aber hier sind Schwangere eher die Ausnahme. Die sind in der Geburtenabteilung zu finden. Eine Hebamme kommt und macht ein CT. Schnell gibt es Entwarnung... nur Fehlalarm. Die nächsten Tage bleibt es ruhig im Bauch.
Sechs Tage nach dem Eingriff darf ich das Unispital dann endlich verlassen.

(Blick aus dem Spitalfenster am 5.2.2011)